Der italienische Designer entwarf für KPM das Service „Berlin“


Zum Tod von Enzo Mari : Der italienische Designer entwarf für KPM das Service „Berlin“

Um ihren Klassiker zu modernisieren, holte sich KPM einen Design-Revoluzzer. Bei „Berlin“ aber blieb er brav.




Enzo Mari (1932 - 2010).
Enzo Mari (1932 – 2010).Foto: Galerie Tanya Leighton

Mit Berlin war Enzo Mari auf besondere Weise verbunden. Ganz einfach – er schuf für die Königliche Porzellan-Manufaktur 1996 ein minimalistisches Tafelservice, das den Namen der Stadt trägt. Zwei Jahre zuvor hatte der Designer für KPM die Mari-Vase entworfen, die Verbindung nach Berlin war geknüpft.

Sein klassisch weißes Service aber setzte fort, was die legendäre Designerin Trude Petri mit ihrem „Urbino“ 1931 in der Tradition des Bauhauses begründet hatte. Klassiker sind heute beide Geschirre. Maris „Berlin“ aber erlaubt sich bei aller Strenge ein Augenzwinkern. Der Henkel seiner kugelrunden Kanne ist anders als üblich nicht nach oben, sondern nach unten gerundet.

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Enzo Mari war eine Ausnahmeerscheinung unter den Designern, ein Revolutionär. Mit seinem 1974 herausgebrachten Buch „Autoprogettazione“ (frei übersetzt: selber machen) begründete er die Do-it-yourself-Bewegung, die aktuell wieder boomt. Das Buch enthielt 19 Anleitungen für den Bau von Holztischen, -stühlen, -regalen und -betten, wie sie mit einfachsten Mitteln selber zu bauen sind. Das konnte recht handfest sein: Möbel aus ein paar Holzbrettern und Nägeln. Sein Serie bekam Kultstatus.

Mari war ein Pionier der Nachhaltigkeit und des Social Design

Mari nahm auf diese Weise Strategien der Nachhaltigkeit und des Social Design vorweg. Wer ihm in sein Mailänder Atelier das Rückporto schickte, bekam die Einzelanleitungen kostenlos zurück. Der Designer wollte die Menschen dazu bringen, ihre Einrichtung selbst herzustellen, statt Fließbandproduktionen zu erwerben – eine kreative Form der Selbstermächtigung. Kein Wunder, der gebürtige Piemontese war Kommunist.

Nach einem Studium der Literatur und und Kunst in Mailand wandte er sich dem Design zu und blieb an seinem Studienort. Zusammen mit Ettore Sottsass machte der knorrige Bartträger die Stadt zu einer Designmetropole, in der er auch unterrichtete. Die Lehre verstand Mari immer als einen wesentlichen Bestandteil seines Wirkens.

Stardesigner wollte Enzo Mari nie sein

Design musste für ihn umweltverträglich, durfte kein Luxusartikel sein. Mit dem System des Stardesigns mochte er sich nicht anfreunden.

Enzo Mari war ein ausgesprochenes Multitalent. Sein Werk umfasst nicht nur Möbel und Geschirr, sondern auch Poster, Grafiken, Kinderbücher und räumliche Gestaltungen, zu Bibliotheken umgebaute Busse. Als Objektkünstler war Mari immer wieder zu Gast auf Biennalen, 1968 holte ihn die 4. Documenta nach Kassel. Noch im hohen Alter stellte er aus. So lud noch 2013 die Galerie Tanya Leighton nach Berlin ein.

Eine Woche vor seinem Tod eröffnete die große Mari-Retrospektive

An der Eröffnung seiner eigenen Retrospektive innerhalb der Mailänder Triennale, die Hans Ulrich Obrist eingerichtet hat, konnte der 88-jährige, an Covid-19 erkrankte Künstler schon nicht mehr teilnehmen. Wenig später, am 19. Oktober verstarb er an den Folgen der Virusinfektion, wenige Stunden danach auch seine ebenfalls erkrankte Frau, die 82-jährige Kunstkritikerin Lea Vergine. Sein Archiv hatte Mari bereits der Stadt Mailand vermacht, nur darf es erst 40 Jahre nach seinem Tod gezeigt werden.

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