Richard Dreyfuss in „Astronaut“: Risikopatient fliegt ins All – Filmkritik

Gebrechlich und gefährdet, so sind Senioren in diesen Seuchenmonaten immer wieder dargestellt worden. Bis März galten sie vielen als die fitten Silver Ager, hofiert von Wirtschaft und Werbung, nun finden sie sich plötzlich wieder als Risikopatienten, bevormundet von Politikern und Medizinern, Kindern und Enkelkindern. Da kommt ein Mutmachfilm wie „Astronaut“ (Kinostart: 15. Oktober) gerade recht.

Der Straßenbauingenieur Angus Stewart hat sein Leben lang davon geträumt, ins All zu fliegen. Nun ist er 75, pensioniert und seit Kurzem auch verwitwet. Als er einen leichten Schlaganfall erleidet, schieben seine Tochter und sein Schwiegersohn ihn in ein Altersheim ab.

Ebenso visionär wie besessen

Im echten Leben hieße das in den allermeisten Fällen wohl: Schluss mit Träumen. Im Kino aber ist noch Hoffnung.

Angus sieht einen Werbespot des Milliardärs Marcus Brown, ein ebenso visionärer wie besessener Macher, der wohl an Milliardäre wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Richard Branson erinnern soll. Dieser Brown ruft einen Wettbewerb um ein Freiticket für den ersten kommerziellen Weltraumflug aus. Angus bewirbt sich aus seinem Altersheim heraus, über alle formalen Vorgaben und vor allem Vorurteile hinweg, und stößt tatsächlich bis ins Finale vor. Dort sollen die letzten zwölf Kandidaten in Fernsehinterviews um die Stimmen des Publikums buhlen.

Doch als Angus, der pensionierte Straßenbauingenieur, am Interviewtag im Raumfahrtzentrum ankommt, bemerkt er, dass die Startbahn falsch konstruiert ist und macht mächtig Alarm. Man könnte sagen, ein Risikopatient entdeckt dank seiner großen Erfahrung ein nicht beherrschbares Risiko – und versucht, die Jüngeren zur Vernunft zu bringen und vor einem folgenschweren Fehler zu bewahren.

Dass aus diesen Eckdaten keine Sternstunde wird, auch nicht in diesen Zeiten der Pandemie, das liegt an der Drehbuchautorin und Regisseurin Shelagh McLeod, die mit „Astronaut“ ihr Regiedebüt abliefert.

Denn McLeod inszeniert die Geschichte im Gehwägelchen-Tempo mit bedeutungsschweren Pausen und leider auch mit einer tatterigen Dramaturgie: Sie nimmt Handlungsfäden der Nebenfiguren unvermittelt auf und lässt sie ebenso unvermittelt fallen. Als hätte sie unterwegs vergessen, was sie eigentlich erzählen wollte.

Vom „Weißen Hai“ zum Großvater mit Herz

Gespielt wird Angus von Richard Dreyfuss, den das Hollywoodkino der Siebzigerjahre einst zum internationalen Star gemacht hat: Dreyfuss feierte seinen Durchbruch neben Harrison Ford in George Lucas‘ Coming-of-Age-Film „American Graffiti“, in den Folgejahren war er der Meeresbiologe Matt Hooper in „Der weiße Hai“ und der Elektriker Roy in „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, beides Blockbuster von Steven Spielberg. Für seine Rolle in der Komödie „Der Untermieter“ erhielt er schließlich den Oscar als bester Hauptdarsteller.

Inzwischen ist Dreyfuss fast 73 Jahre alt, also gerade mal zwei Jahre jünger als die Figur des Angus, die er hier als Großvater mit Herz und Hirn anlegt. Im Filmgeschäft ist Dreyfuss mindestens so erfahren wie Angus im Straßenbau.

Altmeister Dreyfuss agiert sehr zurückhaltend, setzt ganz auf Charme und Charisma, ein leiser Auftritt, der eben deshalb aufhorchen lässt. Eine herzerwärmende Performance.

Schwerkraft des Pathos

Aber das allein bringt „Astronaut“ leider nicht zum Fliegen. Die Schwerkraft des Pathos und des Kitsches hält den Film am Boden fest.

Die Drehbuchautorin und Regisseurin McLeod hat erzählt, dass eine Begegnung im Pflegeheim ihrer eigenen Mutter sie zu dem Film inspiriert habe. Sie habe immer wieder einen älteren Herrn im Rollstuhl beobachtet, der stundenlang in den Himmel starrte. Was er dort oben suche, habe sie ihn eines Tages gefragt. Die Antwort: „Einen neuen Anfang.“

Wen diese Anekdote rührt, den wird vielleicht auch der Film rühren, trotz aller dramaturgischen Mängel. Alle anderen werden ihn rührselig finden.

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