„Vergiftete Wahrheit“: Justizthriller mit Mark Rufallo – Filmkritik

Ratlos sitzt der Anwalt Robert Bilott, gespielt von Mark Ruffalo, auf dem Boden eines Lagerraums. Um ihn herum türmen sich Kisten mit Unterlagen und Akten. Er hat sie von einem Chemiekonzern bekommen, der möglicherweise seit Langem die Umwelt vergiftet. Jetzt überlegt Bilott, wie viele Jahre er wohl brauchen wird, das alles durchzuarbeiten. Wenn man etwas zu verbergen hat, hält man Beweismaterial gern mal zurück. Man kann allerdings auch versuchen, seinen Gegner darin zu ertränken.

Regisseur Todd Haynes erzählt in „Vergiftete Wahrheit“ von einem juristischen Marathon, der sich zwei Jahrzehnte hinzog. Der reale Unternehmensanwalt Robert Bilott bekam 1998 Hinweise, dass der Chemie-Hersteller DuPont seit Jahren das Wasser und den Boden in der Stadt Parkersburg in West Virginia kontaminierte. 2017 wurden Tausenden von Betroffenen schließlich Entschädigungen von insgesamt über 670 Millionen Dollar zugesprochen. Der Film beruht auf einem investigativen Artikel aus der „New York Times“: „The Lawyer Who Became DuPont‘s Worst Nightmare“. Ein Anwalt als Albtraum eines Konzerns.

Ein Regisseur hat ein ziemliches Handicap, wenn er die Handlung immer wieder für Jahre unterbrechen muss – es ist wie ein Auto, das ständig liegen bleibt und neu gestartet werden muss. Aber der Reiz dieses Films besteht genau darin, dass die Haare der Figuren im Laufe der Geschichte grauer und ihre Kinder älter werden, dass die Bewohner der Stadt kränker werden und sterben, aber der Kampf für Gerechtigkeit noch immer andauert.

Haynes kann vergangene Epochen so sinnlich heraufbeschwören wie kaum ein anderer Filmemacher. Seine beiden Meisterwerke „Dem Himmel so fern“ (2002) und „Carol“ (2015), die in den Fünfzigerjahren spielen, waren auch Porträts der amerikanischen Alltagskultur. Haynes‘ Blick dafür, wie Wohnungen oder Büros in bestimmten Dekaden aussahen und sich im Laufe der Zeit veränderten, hilft ihm bei seinem neuen Film enorm.

Doch er begibt sich auf für ihn ungewohntes Terrain. „Vergiftete Wahrheit“ gehört zu einem Kino-Genre, in dem kleine Leute gegen übermächtige Firmen antreten, die Dreck am Stecken haben. Das Problem dieser Filme liegt oft in ihrer Berechenbarkeit. Meist gibt es wenig Zweifel, wer die Guten und wer die Bösen sind und dass am Ende die Gerechtigkeit zumindest teilweise über die Skrupellosigkeit siegen wird.

„Vergiftete Wahrheit“ funktioniert zunächst wie ein Detektivfilm. Mit einer Besonderheit: Der Zuschauer erfährt, dass er selbst auch zu den Opfern gehören könnte. Bilott glaubt erst, es mit einem lokalen Ereignis zu tun zu haben, und findet dann heraus, dass es globale Ausmaße hat. Denn das synthetisch erzeugte Polytetrafluorethylen, von dem die Menschen und Tiere in Parkersburg so krank werden, wurde unter anderem erfunden, um Teflonpfannen zu beschichten.

Wie gefährlich Teflon, das auch in Kleidung, Kontaktlinsen oder Kosmetik steckt, im Hausgebrauch ist, wird immer noch debattiert. Dass die Kontaminationen in Parkersburg zu mehr Krebserkrankungen und Missbildungen führten, gilt allerdings als sicher.

Weil die gewaltige Dimension dieses Chemie-Skandals schon in der Mitte des Films klar ist, richtet Haynes seinen Blick in der zweiten Hälfte mehr und mehr auf seinen Helden. Es gibt eine packende Szene in einem Parkhaus, in der Bilott lange zögert, seinen Wagen zu starten. So groß ist seine Angst, der Anlasser könnte eine Bombe zünden. Da wird die Paranoia im Kopf eines Menschen spürbar, der nichts mehr für ausgeschlossen hält. Bilott hat herausgefunden, dass DuPont seinen Arbeitern mit Teflon versetzte Zigaretten gab, um zu testen, wie sie sich auf die Gesundheit auswirken.

Mit der Zeit wird Bilott in seiner Familie immer mehr zum Außenseiter, sprachlos, monomanisch mit einem Fall beschäftigt, der nie zu einem Abschluss zu kommen scheint. Ein abwesender Ehemann und Vater, selbst wenn er mit seiner Frau (Anne Hathaway) und seinen Söhnen am Tisch sitzt. So erzählt der Film am Ende auch von dem hohen Preis, den der Held bezahlen muss, um der Gerechtigkeit zu einem Sieg zu verhelfen.

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