Verschachtelte Räume


Roman von Amjad Nasser : Verschachtelte Räume

Die Zeit vor dem Arabischen Frühling: Amjad Nassers Roman „Wohin kein Regen fällt“.




Amjad Nasser beschreibt die Rückkehr aus dem Exil in ein fiktives arabisches Land und die Annäherung an die Welt des Vaters. Rentner beim Mangala-Spiel.
Amjad Nasser beschreibt die Rückkehr aus dem Exil in ein fiktives arabisches Land und die Annäherung an die Welt des Vaters….Foto: Rolf Brockschmidt

Ein Mann kehrt zurück in eine Stadt. Sie war für ihn einst gleichermaßen ein Ort der Zuflucht und des Schreckens. „Grau-rote“ Stadt nennt er sie. Das Land, in dem sie in Amjad Nassers autobiografischen Roman „Wohin kein Regen fällt“ liegt, heißt Hamija, eine fiktive Mixtur aus Syrien, Jordanien und Irak, wie es scheint.

[Amjad Nasser: Wohin kein Regen fällt. Aus dem Arabischen von Regina Karachouli. Lenos Verlag, Basel 2020. 308 Seiten, 24,80 €.]

Amjad Nasser, der 1955 in Jordanien geboren wurde und vergangenes Jahr starb, floh in den Libanon, arbeitete als Journalist und später als Dozent in Aden, bis er für palästinensische Medien von Zypern aus berichtete. 1987 wanderte er nach London aus, wo er für arabische Medien schrieb. Man muss diese Biografie kennen, um sich in den mäandernden Erinnerungen des Ich-Erzählers seines 2010 im Original erschienenen Romans orientieren zu können. Das lange Exil hat Spuren hinterlassen. „Wo sollst du beginnen mit deiner langen Geschichte, vielmehr deinen Geschichten, die ineinander verschachtelt sind wie Räume eines alten arabischen Hauses?“

Der letzte Roman von Amjad Nasser, dem bedeutenden jordanischen Poeten.
Der letzte Roman von Amjad Nasser, dem bedeutenden jordanischen Poeten.Foto: Lenos

Nassers Ich-Erzähler, der von sich häufig in der zweiten Person spricht, ist mal ein unbescholtener Bürger namens Junus Al-Chattat, dann wieder ein Mann, der seine Heimat wegen politischer Aktivitäten verlassen muss und fortan seine Texte unter dem Pseudonym Adham Jaber veröffentlicht. Auch Amjad Nasser ist ein Pseudonym, „nur wenige wissen, wie ich wirklich heiße“, hat der Autor einmal gesagt.

Der Erzähler stellt sich seiner Vergangenheit. Sein früheres Ich geht hart mit ihm ins Gericht. Er hält sich den Spiegel vor, gleich zweimal. Er begegnet alten Freunden, lernt Vertreter der Regierung kennen, die nun seine Rückkehr begrüßen. Doch er bleibt skeptisch, tastend, legt sich nicht fest.

Amjad Nasser ist für seine Poesie in der arabischen Welt berühmt. „Wohin kein Regen fällt“ war sein erster Roman. Dieser hat inzwischen an Aktualität gewonnen. Die Zustände in den arabischen Ländern – vor dem arabischen Frühling – treten in aller Schärfe hervor, auch die Illusionen der Aktivisten und Rebellen. Dazu kommen die Menschen, die bleiben mussten, nicht weggehen konnten. Nassers Roman ist eine ständige Reflexion über das Leben in dieser Weltgegend, eine sich langsam entwickelnde Erzählung.

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Mit Wehmut entdeckt der Held seine alte Heimat neu, die Menschen, seine Jugendliebe Rula. Beide haben unabhängig voneinander ihre Söhne nach dem irakischen Dichter Badr benannt. Aber er ist ein Fremder geworden. Gleichzeitig beschäftigt er sich mit dem Erbe des verstorbenen Vaters, eines Kalligraphen, und entwickelt Verständnis für dessen tief in der arabischen Tradition verwurzelte Kunst. Die Übersetzerin Regina Karachouli hat überdies 54 Fußnoten gesetzt, die viele Anspielungen des Romans erklären und einen guten Einblick in die arabische Kultur vermitteln.


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