Michael Gwisdek ist tot – ein Nachruf von Henry Hübchen

Jetzt reicht es mit dem Sterben. Mein längster Weggefährte und Freund ist verschwunden.

Er kann mir jetzt nicht mehr unsere vielen gemeinsamen Geschichten so unnachahmlich erzählen. Immer mit einer Pointe und zielsicheren Dramaturgie. Wobei wir oft in Streit geraten sind, weil meine Erzählung eine andere war. Die Wahrheit lag irgendwo dazwischen. 

Die endlosen Streitgespräche darüber, was wirklich komisch ist, die unglaublichen Übertreibungen, die mich rasend machten, werden mir fehlen. Und immer brauchte Micha ein Publikum – und wenn es nur die Fische in seinem selbst angelegten Teich waren, in den er auch mal reinfiel, um einen Gast zu überraschen. 

Micha, der geniale Slapsticker, der ansatzlos war. Micha, das Körpertalent, der die Körperlichkeit eines Boxers spielte, als hätte er seit seiner Kindheit nichts anderes trainiert und nicht erst vier Wochen vor Drehbeginn. Micha, der Theaterschauspieler, der selbst beim Drehen das Team zu seinem Publikum machte, und das nicht nur, wenn die Kamera lief. 

Micha, mit dem ich aus Kostengründen in Hotelehebetten übernachtete und wegen Eselsohren in seiner Hochglanzillustrierten in einen handfesten Streit geriet. Immer, wenn mein Chaos mich lähmte, brauchte ich nur Micha aufzusuchen, und ich fühlte mich wieder gut wie ein aufgeräumter Preuße. 

Wer erzählt mir jetzt die vielen Geschichten und die, die noch nicht erzählt wurden? Jetzt muss ich sie selber erzählen. Das ist bei Weitem nicht so unterhaltsam. Aber noch schlimmer ist: Die nicht erzählten Geschichten sind mit Michas Tod für immer verloren.

Icon: Der Spiegel

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