„Es ist das beste Duell, das es in Deutschland geben kann“


Deutscher Boxkampf am Freitag : „Es ist das beste Duell, das es in Deutschland geben kann“

Mit Jack Culcay und Abass Baraou treffen Deutschlands beste Boxer aufeinander. Ihr ehemaliger Trainer Ulli Wegner schaut zu.




Eine Niederlage am Freitag könnte die Karriere des ehemaligen WBA-Weltmeisters Jack Culcay (links) empfindlich stören.
Eine Niederlage am Freitag könnte die Karriere des ehemaligen WBA-Weltmeisters Jack Culcay (links) empfindlich stören.Foto: imago/Jan Huebner

An diesem Freitag wird sich Ulli Wegner trotz aller Widrigkeiten auf den Weg zum Boxen machen. In den Berliner Havelstudios steigt ein Kampfabend, der es seit langer Zeit mal wieder in sich hat. Zwar sind offiziell keine Zuschauer vorgesehen, aber natürlich macht der Veranstalter für den erfolgreichsten noch lebenden deutschen Boxtrainer eine Ausnahme. „Ich werde sicherlich hingehen“, sagt Wegner am Telefon, „allerdings nicht ohne meine Stelzen.“

Stelzen ist ein anderes Wort für Unterarmgehstützen. Diese gehören seit mehr oder minder einem halben Jahr zu den ständigen Begleitern des inzwischen 78-Jährigen. Ende vergangenen Jahres hatte sich der renommierte Trainer einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Monatelang war er in der Rehabilitation, Anfang Juli musste er sich erneut einer Operation unterziehen, in den vergangenen Wochen ging es mit Wegner zusehends bergauf.

Sechs Weltmeister und zwei Weltmeisterinnen

„Ich gehe aufs Laufband, wo ich mich festhalten kann, und auf den Crosstrainer“, erzählt der Mann, der bis in den vergangenen Herbst hinnein noch als Trainer für den Sauerland-Profistall in Berlin gearbeitet hat. Allein im Profibereich sind sechs seiner Boxer und zwei Boxerinnen Weltmeister geworden, darunter Sven Ottke, Arthur Abraham, Marco Huck oder Cecilia Brækhus. Und nicht zu vergessen Jack Culcay.

Eben diesen wird er nun am Freitag sehen. Der 34 Jahre alte, ehemalige WBA- Weltmeister im Halb-Mittelgewicht, trifft dabei auf den 25-jährigen Senkrechtstarter Abass Baraou. Beide Boxer treten im Super-Weltergewicht an. Der Sieger ist für den nächsten Ausscheidungskampf um die WM der IBF gesetzt.

Persönlichkeit beachtet

Das Duell Culcay vs. Baraou wird Hauptkampf des Abends (ab 21 Uhr/Sport 1) sein. „Das sind die beiden besten deutschen Boxer“, sagt Ulli Wegner, „und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: und das mit Abstand.“ Wegner hat beide Boxer trainiert und stand bei Kämpfen der beiden Boxer in der Ringecke. „Beide sind unheimlich talentiert und fleißig. Sie haben eine Top-Einstellung zu ihrem Sport, ich habe sie gern trainiert“, sagt Wegner, der für seine kompromisslose Trainingsgestaltung, allerdings auch emphatische Betreuung seiner Schützlinge bekannt ist.

„Was beiden Boxern vielleicht noch fehlt, ist die Erfahrung, sich von einem Trainer nachhaltig führen zu lassen.“ Denn bei aller Strenge habe er stets die Persönlichkeit „all meiner Jungs beachtet“, hatte Wegner jüngst dem Tagesspiegel erzählt. „Ein Trainer ist in allen Sportarten der Knotenpunkt für den Erfolg. Am Ende geht es darum, den Erfolg abzusichern. Dazu muss man nicht nur körperlich, sondern auch geistig in der Lage sein.“

Nichts dem Zufall überlassen

Für den ehemaligen WBA-Weltmeister und amtierenden „WBO International Champion“ Culcay stellt der Kampf gegen den gut neun Jahre jüngeren Baraou ein gewisses Risiko dar. Culcay kann viel verlieren, aber nur wenig gewinnen. Eine Niederlage könnte Culcays Karriere (32 Kämpfe, 28 Siege) empfindlich stören. Es ist also auch ein Kampf der Generationen.

Trainer Ulli Wegner.
Trainer Ulli Wegner.Foto: imago/Mausolf

Abass Baraou (9 Kämpfe, 9 Siege, 6 durch K.o.) wird die Zukunft gehören, doch die Frage ist, ob diese am Freitagabend beginnt. „Jack ist ein großer Kämpfer mit viel Erfahrung, aber ich bin mir sicher, dass ich ihn schlagen kann und schlagen werde“, sagte Baraou unlängst. „Auf dem Weg zur Nummer eins in Deutschland werde ich nichts dem Zufall überlassen.“

Dem deutschen Boxen geht es nicht gut

Baraou ist Deutscher togolesischer Abstammung, Culcay ist Sohn eines Ecuadorianers und einer Deutschen. Beide Boxer bringen ein gutes Rhythmusgefühl und Temperament mit. Und, viel wichtiger für Trainer-Guru Wegner, beide Boxer verfügen über eine sehr gute Schule im Amateurbereich. „Der eine, Jack, war Weltmeister, der andere, Abass, war Europameister und WM-Dritter“, erzählt Wegner und folgert: „Es ist das beste Duell, das es in Deutschland geben kann.“

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Ganz unabhängig von den Einschränkungen, die die Coronavirus-Pandemie mit sich bringt, geht es dem deutschen Boxen nicht gut. Culcay wurde vor elf Jahren bei den Amateuren Weltmeister im Weltergewicht. Baraou wurde im Juni 2017 erst Europameister und holte anschließend WM-Bronze. Im März 2018 unterzeichnete Baraou einen Profivertrag bei Sauerland-Event. Der Gründer des Boxstalls, Wilfried Sauerland, hatte erst im März dieses Jahres von fehlenden, gut ausgebildeten Boxern gesprochen.

Ein weiterer Meilenstein

Bei den Amateuren tue sich nicht viel. „Den letzten Guten haben wir mit Abass Baraou verpflichtet“, sagte Sauerland. „Er macht große Fortschritte und kann in ein bis zwei Jahren Weltmeister werden, auch wenn seine Gewichtsklasse hart umkämpft ist. Aber Abass ist sehr talentiert, hat das technische Rüstzeug und trainiert hart.“

Jack Culcay war im 2018 von Sauerland zum damals neuen Berliner Boxstall „Agon Sports“ gewechselt. „Wir waren der erste Boxstall, der trotz Corona ein fabelhaftes Event bereits im Juni organisierte. Mit dem Fight zwischen zwei der weltweit besten Superweltergewichtler werden wir daran nahtlos anknüpfen“, sagte Agon-Chef Ingo Volckmann.

Für ihn steht der Kampf zwischen Culcay und Baraou für „feinstes“ Boxen. „Es ist ein weiterer Meilenstein in unserer jungen Stallgeschichte, und ich bin mir sicher, dass Jack auf seinem Weg zur WM durch niemanden aufgehalten wird.“ Ulli Wegner wird live am Ring sein in den Studios an der Berliner Havelchaussee. „Ich habe bereits ein Gefühl dafür, wer den Kampf gewinnen wird. Aber ich werde es hier nicht sagen. Dafür mag ich beide zu sehr, es würde sich auch nicht gehören.“


Neu: Tagesspiegel Plus jetzt gratis testen!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.