Wie sich die politische Diskussion durch Videokonferenzen ändert


Von Merkel bis zu den US-Demokraten : Wie sich die politische Diskussion durch Videokonferenzen ändert

Politische Reden und ganze Wahlkämpfe werden per Stream geführt. Das macht Politik kälter. Doch es ist auch eine Chance. Die Kolumne „Spiegelstrich“.

Klaus Brinkbäumer

Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere europäische Staats- und Regierungschefs in einer Videokonferenz.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere europäische Staats- und Regierungschefs in einer Videokonferenz.Foto: Ian Langsdon/EPA POOL/AP/dpa

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Politik 2020 ist kälter als Politik 2019. Entmenschelt. Wir leben im Jahr der Netflix-Parteitage, der Facebook-Reden, der Zoom-Politik.

Wer sich in Berlin umhört, erfährt, dass die Konferenz der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten flink gelernt und funktioniert habe, via Video. Die Kanzlerin habe Zoom und das ganze moderne Zeugs schnell schätzen gelernt; und schnell schätzten es ihre Unterlinge. Angela Merkels Reden zielten nie auf tobende Säle ab, bauten auf die spröde Glaubwürdigkeit und den trockenen Witz der Rednerin, welcher digital ebenso lustig ist wie im wahren Leben oder ebenso unlustig.

Schon Merkels Covid-Rede, welche die Nation für einige Monate auf einen solidarisch-effektiven Kurs brachte, war eine Fernsehansprache, mit ernstem Blick in eine Kamera vorgetragen, die nahe an Merkel heranfuhr. Wer die Rede nachliest, merkt, dass Text und Struktur merkelhaft sind – Intimität und Intensität aber wirkten.

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Jedoch: Politik 2020 dürfte weniger effizient sein als die von 2019. „Demokratische Entscheidungen sind Kompromissfindungsprozesse”, sagt eine Merkel-Vertraute am Telefon; keine Chat-Funktion kann den Kaffee im Nebenzimmer ersetzen, weshalb den Beratern und Expertinnen, der gesamten zweiten Ebene der Spitzenpolitik, Foren und Kommunikationswege entzogen sind.

Man wird nicht unterbrochen und unterbricht selbst auch nicht

Und die Qualität der Diskussionen leide, das schreibt via Twitter-Direktnachricht Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, denn „bei Zoom oder Webex trägt jeder sein Statement vor und schaut dann oft, unbemerkt von den anderen, aufs iPhone und bearbeitet nebenher Emails. Man wird nicht unterbrochen und unterbricht selbst auch nicht, aus einer Debatte wird eine Sequenz von Statements. Körpersprache zählt kaum. Ärger und Emotion werden rar. Eine stripped down debate!“

Der Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Michael Kellner, findet die Reden des Covid-Jahres „im besten Fall konzentrierter und strukturierter, im schlechten Fall einfach labberiger und fahriger”. Und der FDP-Vorsitzende Christian Lindner erzählt per SMS, dass er „Reden im Stream“ als Notlösung empfinde: „Zur politischen Rede gehört die unmittelbare Interaktion mit dem Publikum, die spontane Argumentation als Reaktion auf Zwischenrufe.“ 

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

In den USA ging gerade der Nominierungsparteitag der Demokraten zu Ende, die Republikaner folgen in dieser Woche. Virtuell. Joe Bidens Leute haben es geschafft, aus dem Verzicht auf eine Halle mit 20.000 Menschen und 200.000 Luftballons die Convention des Serien-Zeitalters zu entwickeln. Die Reden wurden nicht mehr ständig unterbrochen durch uramerikanisches Dauerkreischen, waren intellektuell, sogar intelligent und dennoch auf jene 90-Sekunden-Pointen getrimmt, die für die sozialen Medien taugen.

Die Tochter eines Trump-Wählers berichtete, ihr Papa sei an Covid-19 gestorben; Split-Screens und Ortswechsel erzeugten ein Tempo, das bei einem SPD-Parteitag noch nicht erlebt wurde. Aktivisten und Zwischenrufer kamen nicht mehr vor, aber Parteitage werden in den USA ohnehin und seit Richard Nixon keimfrei durchchoreographiert, ohne Konflikte, dafür fernsehgerecht pathetisch. Dann doch lieber modern.

Der in Washington forschende Philosoph Michael Werz schreibt per Mail, die Erfahrungen seien „ambivalent: Es wird einerseits aufklärerischer, weil die Zwischentöne nicht im Geschrei und der Masse untergehen – Obamas Rede ist das beste Beispiel. Aber zugleich fehlt die Dimension solidarischer Kollektivität, die für Politik so wichtig ist. Auf einem Parteitag entstehen Emotionen und die Energie zur Veränderung diskursiv, dieses Jahr mussten sie mit herzzerbrechenden Geschichten produziert werden“.

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